Geschichte
08.05.1945: Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa
Willi Garth erinnert sich an das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 65 Jahren, am 8. Mai 1945. Er war damals sieben Jahre alt.
Bis Willi Garth sieben Jahre alt war, kannte er nur Krieg.
Denn: Der heute 72 Jahre alte Willi Garth aus Dortmund war erst anderthalb Jahre alt, als Deutschland am 1. September 1939 das Nachbarland Polen überfiel und damit den Zweiten Weltkrieg auslöste.
Am stärksten haben sich in Willi Garths Erinnerung die Bomben-Nächte eingebrannt: Wenn nachts die Sirenen heulten und einen Angriff durch britische Jagdbomber ankündigten, dann wurden seine vier Jahre ältere Schwester und er von den Eltern aus dem Schlaf gerissen und in den Keller oder einen nahegelegenen Ersatzbunker geschleift.
Im Bunker
Der Ersatzbunker war ein Tunnel, der notdürftig über einem Bach errichtet worden war, aber im Falle eines Bomben-Treffers überhaupt keinen Schutz geboten hätte – ein unheimlicher Ort für den siebenjährigen Willi, eng und feucht.
Immer wieder döste er ein, schreckte aber durch weiteres Sirenen-Geheul oder einschlagende Bomben immer wieder aus dem Schlaf auf. Noch heute sieht er seine Großmutter vor sich, die – wenn es besonders schlimm wurde – aufsprang schrie: "Maria hilf, es geht zum End' der Zeiten!"
Schutz vor den Bomben

- Ein anderer großer Schutzbunker in Dortmund war dieser Luftschutzstollen: In dem Tunnel unter der Dortmunder Innenstadt versteckten sich bis zu 40 000 Menschen vor den Bombenangriffen aus der Luft.
Angriffe aus der Luft
Willis Vater blieb während der Bomben-Angriffe immer im Haus, um es im Falle eines Treffers zu löschen.
Aber die Familie hatte Glück: Zwei Brandbomben schlugen zwar im Haus ein, gingen aber nicht los. Und aus dem engsten Kreis der Familie wurde auch niemand durch die Bomben verletzt oder getötet.
Angst vor den "Nazis"
Warum überhaupt Krieg herrschte und wer Adolf Hitler war, der Deutschland seit 1933 regierte und in den Zweiten Weltkrieg getrieben hatte, das wusste Willi Garth als Kind nicht: "Das Thema Adolf Hitler war bei uns kein Thema. Wir waren eine streng katholische Familie. Bei uns gab’s das Kreuz an der Wand, kein Hitler-Bild und keinen Hitler-Gruß", erinnert sich Willi Garth.
Gegenüber wohnten jedoch Nazis, also Anhänger der Partei von Adolf Hitler, und vor denen hatten seine Eltern ihn gewarnt: "Vor den Nazis hatten wir Angst. Das wurde uns auch übermittelt. Warum das so alles war, das wussten wir als Kinder nicht. Aber das waren diejenigen, von denen Gefahr ausging, die Nachbarn belauschten und nicht davor zurückschreckten, ihre Nachbarn zu verpfeifen und ins Zuchthaus zu bringen."
Was genau damals in Deutschland mit Menschen passierte, die eine andere politische Meinung hatten, mit Juden und behinderten Menschen, das verstand Willi Garth aber als Kind noch nicht. Und auch später in seiner Schulzeit wurde nicht darüber gesprochen, dass Millionen von Juden und andere Menschen durch die Nazis in Konzentrationslager gebracht und ermordet worden waren. Davon erfuhr Willi Garth erst als Erwachsener.
Das Ende des Krieges

- Mit dem Einmarsch der so genannten Alliierten war der Zweite Weltkrieg zu Ende.
Eines Tages rief sein Vater:" Die Amis kommen!" Amerikanische Soldaten marschierten in Dortmund ein und quartierten sich auch in der Nachbarschaft von Willis Familie ein. Damit hielt der Frieden dort schon gut drei Wochen vor dem offiziellen Kriegsende Einzug, also bevor sich die Oberbefehlshaber der deutschen Soldaten am 8. Mai 1945 ergaben und vor den Briten, Amerikanern, Franzosen und Russen – den so genannten "Alliierten" – kapitulierten.
Spielen in den Trümmern
Für Willi Garth und seine Schwester wurde der Alltag wesentlich angenehmer, denn es gab keinerlei Einschränkungen mehr, wegen möglicher Bomben-Angriffe in der Nähe des Hauses zu bleiben, so Willi Garth:"Da konnten wir ausschwärmen und frei aufatmen, in die Landschaft gehen, die ganze Umgebung gehörte uns da. Es war schon toll!" Gespielt wurde in ausgebombten Häusern und Bomben-Trichtern – ein Wahnsinn aus heutiger Sicht. Lebensgefährlich waren auch die Pulverstangen, die Willi und seine Freunde suchten und dann anzündeten.
Hunger

- Hungrige Kinder bei der Lebensmittelverteilung auf der Straße.
Der Alltag war aber auch bestimmt von Hunger, den Willi Garth nach Kriegsende viel deutlicher spürte als in den Jahren davor. Dabei hatte die Familie noch Glück, weil sie ein Stück "Grabeland" besaß, ein Stück Garten, in dem Obst und Gemüse angebaut wurde, das die Familie vor dem allerschlimmsten Hunger bewahrte. Dennoch musste die Familie immer wieder Bucheckern, Eicheln und Brennnesseln sammeln, um daraus etwas zu kochen.
Und nichts wurde weggeworfen: "Es wurden sogar Kartoffelschalen gekocht und zu einem Brei verarbeitet und aus altem Brot wurde Brotsuppe gemacht", erzählt Willi Garth. Heute kann der 72-Jährige dem auch etwas Gutes abgewinnen: "Es ging ja nur aufwärts. Das war das Schöne für meine Generation. Es ging immer aufwärts. Abwärts wäre schwerer zu ertragen gewesen."
Regelmäßig montags, dienstags oder mittwochs erzählen wir in der LILIPUZ-Sendung Geschichten über Geschichte.












